Kunst - Infobrief VII/2006 (Puck Steinbrecher)

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KUNST - INFOBRIEF VII/2006 (PUCK STEINBRECHER)

KUNSTBRIEF HERBST 2006

Einzelausstellung / Puck Steinbrecher:

Uferwelten vis-à-vis – sehen, was auf der anderen Seite ist ...

Aktuelle Arbeiten auf Leinwand und Karton.
Liebe Kunstfreundin, 
lieber Kunstfreund,

mit ihren Sonntagsbildern hat Heike Ising-Alms ein großes Echo bei uns in Schwalbach hervorgerufen. Im Rahmen unserer Frühlingsaus- stellung erhielt die Künstlerin eine ganze Reihe von Folgeaufträgen Schwalbacher Galeriebesucher, die Ising-Alms gebeten haben, nach alten Familienfotografien ebenfalls Bilder für sie privat anzufertigen.

War es zunächst der fotografische Nachlass ihrer Großeltern, der den Anstoß für die Beschäftigung der Künstlerin mit dem Sujet des Sonntagsbildes gab, so greift Heike Ising-Alms mittlerweile auf fremdes Material zurück. Zu sehen ist diese Entwicklung und Erweiterung des ihren Bildern zugrunde liegenden Materials bereits in den bei uns gezeigten Werken aus dem Zyklus „American Sunday". Ising- Alms studiert in diesen Arbeiten, inwiefern sich der amerikanische Sonntag in den 50er Jahren von dem in Deutschland unterscheidet. Sie kommt zu dem überraschenden Ergebnis, dass sowohl die abgebildeten Sonntagsaktivitäten als auch die Posen, die die Fotografierten einnehmen, einander verblüffend ähneln. Bleibt also nun abzuwarten, was unsere Schwalbacher Auftragsarbeiten zum Geschichtsbild der Künstlerin beitragen können. Denn der Malerin geht es in ihren Bildern nicht um das Wiedererkennen konkreter Personen und Ereignisse. Vielmehr erreicht sie mit ihrer Übertragung des Fotos ins Gemälde eine allgemeinere Bedeutungsebene, von der aus sich gemäß ihres historischen Ansatzes ein ganzes Epochenbild abzeichnen kann. 
Uferwelten vis-à-vis – sehen, was auf der anderen Seite ist ... 

Aktuelle Arbeiten auf Lein- wand und Karton von Puck Steinbrecher.
Trotz – oder gerade wegen des überwiegend hohen Abstraktionsgrades seiner Bilder, versteht sich der 1950 geborene Puck Steinbrecher in erster Linie als Landschafts- maler. Nach einem Studium an der Universität Oldenburg, ist Steinbrecher seit 1976 als freischaffender Maler in seiner norddeutschen Heimat am Zwischenahner Meer tätig. Seitdem werden seine Werke in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Steinbrecher arbeitet überwiegend mit Acrylfarbe auf Leinwand und Karton. In seinen Uferbildern variiert der Künstler den Blick aus seinem Atelier am See auf das gegenüber liegende Ufer in vielfältiger Weise. Dabei fertigt Steinbrecher regelrechte Bilderserien an, in denen er sich seinem Motiv buchstäblich nähert. Ist es zunächst das breit angelegte Uferpanorama, das den Maler interessiert, so sind es in der Folge immer größer werdende Ausschnitte dessen, was sich ihm auf der anderen Seite des Sees darbietet. Am Ufer stehende Baumgruppen, Pflanzen und deren Spiegelung im Wasser präsentiert der Künstler in mannigfacher serieller Variation. Auf diese Weise erschließt sich Puck Steinbrecher in seinen Werken einen immer neuen Blickwinkel auf ein und dasselbe Motiv. Stellt man die Bilder einer solchen Serie nebeneinander, so entsteht unweigerlich der Eindruck eines optischen „Heranholens", eines „Zoom-Effekts" wie man ihn von den Variolinsen in der Fotografie kennt – vom Weitwinkel zum Makro. Und tatsächlich nimmt Puck Steinbrecher in der Natur zunächst ganze Sammlungen von Fotografien auf, die ihm später im Atelier als Ausgangspunkt und Inspirationsquelle seiner malerischen Kompositionen dienen. Denn Steinbrecher malt nicht draußen unter freiem Himmel. Stets unterzieht er die Motive einer umfassenden Reflexion und Planung im Atelier. Jede Bildidee muss gleichsam in ihm heranreifen, bevor er sie künstlerisch umsetzen kann. 
Die Konzentration auf das Motiv beschränkt sich jedoch nicht nur auf die bloße Vergrößerung des Bildausschnitts. Vielmehr zeigt sich die intensive Beschäftigung mit dem Gegenstand auch im genauen Studium der unterschiedlichen Licht- und Farbstimmungen in Abhängigkeit von der jeweiligen Tages- und Jahreszeit. So spiegelt die Wasseroberfläche in Steinbrechers Bildern einmal das üppig-satte Grün sommerlicher Bäume und Uferpflanzen unter leuchtend blauem Mittagshimmel; ein anderes Mal setzt sich strahlendes Herbstgelb gegen das trübe Blaugrau eines fahlen Novemberhimmels im schwindenden Tageslicht ab. 
Steinbrecher zelebriert diese Stimmungen, indem er die symbolische Kraft der Farben als geradezu expressives Ausdrucksmittel nutzt. „Der Bezug zu dem, was ich da sehe", so der Maler wörtlich, „ist immer gegeben. Es mag jedoch sein, dass ich die Farbe dabei stark überhöhe." 
In der Tat ist das Hauptmerkmal in der Malerei Puck Steinbrechers die klare und entschiedene Farbspur, die sich rhythmisch über den Malgrund zu bewegen scheint. Um diesen gestischen Eindruck des teils heftigen Farbauftrags noch zu steigern, unterlegt Steinbrecher den Farben eine Schicht aus Quarzsand. Hierzu grundiert der Maler die Leinwand mit einem Gemisch aus Leim und Quarzsand, das er in waagerechter Richtung verstreicht. Die Oberfläche erhält auf diese Weise eine körnige Struktur, die Sandpapier ähnelt. 

Puck Steinbrecher: Großer Himmel · 2006 · Acryl auf Karton · 30 x 27 cm

Geht der Künstler nun mit einem eher trockenen Pinsel beim Farbauftrag über diesen Untergrund, so wird nur die obere Schicht der Sandkörner mit Farbe benetzt. Je nach Intensität und Wiederholung des Farbauftrags entstehen unterschiedliche Sättigungsgrade und vielschichtige farbliche Transparenzen. Transparenzen, die in verblüffender Weise die optischen Brechungen und Lichtreflexe der schillernden Wasseroberfläche des Sees andeuten, in dessen Wellenspiel sich die Ufervegetation wie in einem Zerrbild geheimnisvoll brüchig spiegelt. Überhaupt ist gerade die Andeutung, das Fragmentarische für die Landschaftsbilder Puck Steinbrechers charakteristisch. So fehlen in den Werken des Malers jene eindeutigen Merkmale einer konventionellen bildnerischen Landschaftswieder gabe. Vielmehr präsentiert er mit seiner reduzierten Malerei Farbkompositionen, die Raum für Assoziationen, Projektionen und verschiedene Deutungen des Betrachters lassen. Die gesamte Bildorganisation sowie die Anordnung der einzelnen Farbspuren formen Muster, die den Betrachter zur Interpretation herausfordern. 

Vorstellen und Ergänzen

Augenzwinkernd bezeichnet Steinbrecher diese bildnerische Verrätselung als „Provokation an den Betrachter“. „Der Betrachter weiß ja“, so Steinbrecher, „dass sich in der dargestellten Wasseroberfläche etwas spiegeln soll.“ Dabei liegt jedoch das Gespiegelte in den Bildern Steinbrechers sogar oftmals außerhalb der Bildfläche. 

Puck Steinbrecher: Uferparade · 2006 · Acryl auf Leinwand · 100 x 90 cm

Häufig verschiebt der Künstler die Uferkante so weit an den oberen Bildrand, dass nahezu der gesamte Bildraum vom spiegelnden See eingenommen wird. „Dies gibt dem Betrachter einen größeren Freiraum", so Steinbrecher weiter, „ für sich zu benennen, was er im Bild zu erkennen glaubt." Gewissermaßen spielt der Maler mit der Wahrnehmung und Erfahrung des Betrachters. „Wir können nur benennen, was wir schon kennen", erläutert Steinbrecher seine Bildstrategie. Die Vorstellungskraft des Betrachters wird animiert, sich assoziativ ein „Bild" von dem zu machen, was oberhalb des Gezeigten gespiegelt wird. Steinbrecher treibt das Spiel mit unserer Wahrnehmung gleichsam auf die Spitze, insofern er eine spannende Gratwanderung vollführt: Der Künstler deutet in seinen Farbräumen nur so viel des Gegenstandes an, dass wir ihn gerade noch schemenhaft als zum Beispiel gespiegelten Baum zu identifizieren meinen; zugleich entfernt sich der Künstler jedoch bereits so weit von einer gegenständlichen Abbildung, dass wir uns schon im Raum künstlerischer Abstraktion befinden und als Betrachter gezwungen sind, Vorstellungen aus unserem Erfahrungsschatz zu bemühen, um auf den realen Gegenstand rückzuschließen. Scheinbar ungeregelte Bildelemente formieren sich erst im Prozess der Betrachtung und lassen auf diese Weise die konkrete gegenständliche Inspirationsquelle der Bilder erahnen. Genau aus diesem Balanceakt zwischen Zeigen und Verbergen, Gegenständlichkeit und Abstraktion beziehen die Bilder Puck Steinbrechers ihren ganz spezifischen Reiz. Insbesondere das Element Wasser ist aufgrund seiner Oberflächenbeschaffenheit wie geschaffen für Steinbrechers bildnerisches Spiel: Die durch Wellen und Strömungen unstet flirrende Wasseroberfläche zerlegt das in ihr Gespiegelte in Fragmente und lässt auf diese Weise immer neue abstrakte Muster entstehen. 
Schritt für Schritt zur Abstraktion:

Puck Steinbrecher: Goldufer · 2006 · Acryl auf Karton · 30 x 27 cm

Wie der Künstler dabei geradezu schrittweise vorgeht, lässt sich abermals an seinen Bilderserien studieren: Im Laufe jeder Serie entfernt sich Steinbrecher sukzessive von der gegenständlichen Wiedergabe seines Motivs und gelangt damit gleichsam fortschreitend zu höheren Abstraktionsgraden. Während anfangs in den noch über sichtlichen Uferpanoramen einzelne Gegenstände recht deutlich zu un- terscheiden sind, verselbständigt sich das Abgebildete zunehmend in den Nahsichten und gerät mehr und mehr zur abstrakt-ästhetischen Form. Farben und Farbwerte lassen sich in diesem Sinne zunächst Bild- gegenständen zuordnen, um sich jedoch im nächsten Moment wieder von ihnen zu lösen und im abstrak- ten Muster aufzugehen. In vielen seiner Bilder streben auf diese Weise breite Farbbahnen in die Vertikale, um im Lichtkontrast zueinander Bäume und Ufervege- tation anzudeuten. Äste, Blätter, Laubwerk und Blüten sind Auslöser für diesen dynamisierenden Rhyth- mus in der farblichen Komposition, der weg vom Gegenständlichen führt. Die freie bildnerische Geste entzündet sich bei Puck Steinbre- cher stets am realen Gegenstand, um dann von ihm zu abstrahieren und ihn ins ästhetische Farbmuster zu überführen. Je genauer und län- ger sich Steinbrecher mit ein und demselben Motiv beschäftigt, desto größer scheint seine gestalterische Freiheit und Abstraktionsfreude zu werden. 


Puck Steinbrecher: Berberis · 2006 · Acryl auf Karton · 30 x 27 cm

Das Bild „Berberis" zeigt in ein- drucksvoller Weise wie in der Großaufnahme einer einzelnen Ufer- pflanze der Pinselschwung zuletzt freier, der Malduktus gestischer und expressiver wird. Die Bildfläche ist gefüllt von rhythmisiert nebenein- ander gesetzten roten Farbflecken, die sich im lockeren Pinselduktus maximal vom gegenständlichen Abbild einer Pflanze entfernt haben und nunmehr in einer einzigen hefti- gen Farbbewegung ihr ästhetischen Eigenleben führen. Ausgehend vom realen Naturerlebnis setzt der Künstler hier die Farbe Rot in ihrer geradezu elementaren Wirkung auf den Betrachter ein. Zudem zeugt das abstrakte Farbmuster in seiner entschiedenen Dynamik und Drama- tik vom freien und unmittelbaren Im- petus der Malaktion Steinbrechers. Das Spannende an den Bilderserien Puck Steinbrechers ist, dass er uns mit ihnen gleichsam zeigt, wo die Abstraktion herkommt, wo die gegenständlichen Wurzeln seiner zuletzt freien Farbkompositionen lie- gen, die jenes Stimmungspotenzial von Farbe und Form entfesseln. Dabei ist dem Künstler wichtig, dass es sich bei aller Abstraktion doch um Landschaften und deren ganz konkrete Spiegelungen handelt. Dass es Steinbrecher gelingt, sei- nen ganz persönlichen Duktus als Landschaftsmaler zu hinterlassen und eine stets malerische Lösung für die Behandlung seines Themas zu finden, sollen die in unserer Galerie vom 16. Oktober bis zum 19. November gezeigten Werke des Künstlers verdeutlichen. Mit seinem bemerkenswerten Ab- straktionsniveau erschließt Puck Steinbrecher dem Betrachter Er- lebnishorizonte, die jenseits aller Naturerlebnisse liegen. Sie sind herzlich dazu eingeladen, ebenfalls zu sehen, was auf der anderen Seite ist … 

Herzlichst, Ihr


Peter Elzenheimer

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