Kunst - Infobrief VI/2006 (Heike Ising-Alms)

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KUNST - INFOBRIEF VI/2006 (HEIKE ISING-ALMS)

KUNSTBRIEF FRÜHLING 2006

Einzelausstellung / Heike Ising-Alms

Immer wieder sonntags ... Zeitgeist und Erinnerung 

Die „Sonntagsbilder“ von Heike Ising-Alms.
Liebe Kunstfreundin, 
lieber Kunstfreund,

Großen Anklang hat die Einzelausstellung mit Werken von Georges Dussau gefunden, die wir Ihnen im vergangenen Herbst in unserer Galerie präsentieren durften. Insbesondere die Tendenz des Künstlers, sich in seinem Oeuvre in den letzten Jahren verstärkt „von der Abstraktion zur Figuration" zu entwickeln, ließ sich an den gezeigten Werken direkt vor Ort nachvollziehen. So war in der Galerie das zeitliche Spektrum von Arbeiten aus den 90er Jahren bis zum Jahr 2005 zu sehen. Über ein Jahrzehnt künstlerischen Schaffens machte die Entwicklung verschiedener Arbeitsphasen erfahrbar und gab zugleich Gelegenheit, neuere Arbeiten von Georges Dussau zu studieren. Einen ganz besonderen Höhepunkt bildete die Anwesenheit Dussaus während der Vernissage, so dass sich interessante Einzelgespräche mit dem französischen Meister über sein Werk und seinen künstlerischen Ansatz ergaben.
Immer wieder sonntags ... Zeitgeist und Erinnerung – Die „Sonntagsbilder“ von Heike Ising-Alms

Unter dem Titel „Immer wieder sonntags …“ zeigen wir vom 19. Mai bis zum 18. Juni erstmals in unserer Galerie Werke der in Wuppertal lebenden Künstlerin Heike Ising-Alms. Die Vernissage findet in Anwesenheit der Künstlerin am Donnerstag, dem 18. Mai um 19 Uhr statt. Zu sehen sind Gemälde aus ihrer Werkreihe „Sonntagsbilder“.

Sonntag war Familientag
Heike Ising-Alms in ihrem Atelier

Den Ausgangspunkt dieser Arbeiten bilden Fotografien aus den 30er und 40er Jahren sowie aus den 50ern und 60ern. Zum Teil handelt es sich dabei um Fotos, die aus Ising-Alms eigener Familiengeschichte stammen, vor allem aus dem fotografischen Nachlass ihrer Großeltern. Die schwarz-weißen Familienfotos zeigen zumeist Personengruppen bei typisch sonntäglichen Aktivitäten. Damit spiegeln die Aufnahmen einen heute fast verloren gegangenen Teil traditioneller Familienkultur wider.

Neben diesem soziokulturellen Aspekt, fasziniert die 1958 in Essen geborene Künstlerin der formale Aufbau der alten Fotografien. Denn geradezu instinktiv setzt der nicht professionelle „Sonntagsfotograf" das Wichtigste in die Mitte des Bildes. Ein Kompositionsprinzip, das seine kunsthistorische Entsprechung in der vormodernen Malerei findet: Noch bis ins 18. Jahrhundert verfahren die Künstler beim Aufbau ihrer Gemälde nach dem Schema, jeweils in der Bildmitte das buchstäblich „zentrale" Motiv anzuordnen.

Klassische Maltechnik

Heike Ising-Alms nimmt nun diese in mehrfacher Hinsicht traditionellen Schwarz-Weiß-Fotografien und macht sie zur inhaltlichen wie formalen Grundlage ihrer Malerei. Dabei verstärkt sie noch die mittige Ausrichtung der Originalfotos, indem sie für ihre Bilder stets ein quadratisches Format wählt. Auch in der maltechnischen Behandlung verfährt die Künstlerin klassisch, insofern sie die heute eher selten verwendete Technik der Untermalung für die besondere Wirkung ihrer Bilder nutzt. Die Anlage einer Untermalung setzt ein gründliches Durchdenken der gesamten Bildkonzeption, ein gezieltes und diszipliniertes Arbeiten sowie gute maltechnische Kenntnisse voraus. Auf die grundierte Leinwand trägt die Künstlerin zunächst eine Untermalung in Schwarz-Weiß beziehungsweise in Grautönen (Grisaille) auf. Dies geschieht ganz im Stile alter Meister in Tempera. Als Tempera werden Farben bezeichnet, deren Pigmente in einem Gemisch aus wässrigen Bindemitteln (Ei, Stärke, Leim) und Ölen (Leinöl, Mohnöl, Nussöl) angerieben werden. Als Nächstes versieht Ising- Alms die bereits als gegenständliches Bild vorliegende Untermalung mit einem Überzug, der so genannten Imprimitur. Dieser Überzug wird aus Erdpigmenten, Eigelb, Terpentin und Leinöl angemischt. Er zieht die Malerei gleichsam zusammen und gibt ihr einen warmen, bräunlich- gelben Unterton. In einem weiteren Arbeitsschritt zeichnet Ising-Alms das Bild mit Ölfarben in ebenfalls monochromen Tönen nach. In dieser Phase „malt sich das Bild wie von selbst", so die Künstlerin wörtlich. Denn die Untermalung gibt die abschließende Ausführung in Öl gewissermaßen vor.

Glanz des Vergangenen

Genau dieser klassische Aufbau in mehreren, einander überlagernden Farbschichten und Lasuren verleiht den Bildern Ising-Alms einen ganz eigentümlichen Schimmer, eine Hinterleuchtung der in Öl ausgeführten Gemäldeteile. Ein maltechnischer Effekt, der als „Tiefenlicht" bezeichnet wird. Denn das auftreffende Licht durchdringt die oberen Lasuren des Bildes und wird erst von den unteren Farbschichten reflektiert. Die Delikatesse ihrer Bilder liegt dabei im meisterlichen Einsatz dieses Effekts, in der feinen Nuancierung des Zusammenspiels aus Licht und Schatten, hell und dunkel. Darüber hinaus verleiht die Tempera den Bildern ein gewisses „Antik-Finish". Damit hat Ising-Alms in der traditionellen Temperatechnik gleichsam die ihrem historischen Ausgangsmaterial entsprechende malerische Umsetzungsform gefunden.

Andeutung als Prinzip


Heike Ising-Alms: Ausflug mit Picknick · 2005 · 
Öl/Tempera auf Leinwand 60x60 cm

Doch sind ihre Bilder alles andere als angestaubte und vergilbte Zeugnisse vergangener Tage. Der Künstlerin geht es keinesfalls um eine konventionelle Dokumentation des individuellen Augenblicks wie sie ohnehin schon die Fotos des Familienalbums leisten. Das Bild „Waldspaziergang" zeigt beispielsweise Erwachsene mit Kindern auf einem im Sonnenlicht liegenden Sandweg. Die Kleidung ist als zeittypische 50er-Jahre- Kleidung erkennbar. Anders als jedoch die dem Gemälde zugrunde liegende Fotografie, zeichnet sich Heike Ising-Alms Malerei durch Unschärfe und bloße Andeutung aus. Die Konturen und Gesichtszüge der abgebildeten Personen wirken verschwommen, bleiben schemenhaft dem hell-dunklen Flächenmuster verhaftet. Selbst das Gesicht des Jungen, der vorne links im Bild dem Betrachter entgegenblickt, bleibt undeutlich. Auch das Laubwerk der Baumkronen im oberen Drittel des Bildes wird lediglich mit flüchtigen Farbflecken angedeutet. Damit nimmt die Künstlerin dem Foto durch die Übertragung ins Gemälde genau das, was eigentlich die Qualität und den Wert einer fotografischen Aufnahme gemeinhin ausmacht: 
Nämlich die exakte und scharfe Wiedergabe dessen, 
was war.

Schleier der Erinnerung

Stattdessen tritt an die Stelle des prägnanten fotografischen Abbildes in den Gemälden von Heike Ising- Alms so etwas wie die Sichtbarmachung diffuser Erinnerung. Denn so wie im Prozess des Erinnerns assoziativ Eindrücke und Stimmungen verschwommen aus den Tiefen des Unbewussten auftauchen, scheinen uns die in den Bildern dargestellten Szenerien gleichsam aus dem Nebel der Vergangenheit entgegenzutreten. Auf diese Weise machen die Arbeiten von Ising-Alms in ihrer spezifischen maltechnischen Behandlung etwas anschaubar, das generell mit Vergangenheit, Vergänglichkeit und Erinnern zu tun hat. Und in der Tat stimulieren die „Sonntagsbilder“ Ising-Alms die eigene Erinnerung. Unweigerlich fallen uns beim Anblick des Gezeigten familiäre Sonntagsrituale wie das gemeinsame Essen des Sonntagsbratens, das Anziehen jener verhassten „guten" Kleidung, Besuche bei Oma und Opa, das sonntägliche Spazierengehen oder Ausflugsfahrten mit dem Auto wieder ein. Denn wer erinnert sich angesichts dieser Bilder nicht mit Belustigung und aus der heutigen Distanz sicher auch mit Wehmut an spießige Faltenröcke mit Rüschenblusen, an Clubjacken und gute Schuhe, die man am Sonntag als Kind gezwungen war anzuziehen und dann „nicht schmutzig machen" durfte. „Ich glaube, dass man heute kaum noch Sonntagsschuhe hat", so die Künstlerin. „Damals hat man es gehasst. Heute, aus der Dinstanz, ist es wieder schön." Die farbliche Gestaltung der Gemälde trägt ein Übriges dazu bei, die Erinnerung an Vergangenes malerisch ins Bild zu setzen. Die Arbeiten sind zwar schwarz-weiß bzw. monochrom gehalten, aber dennoch durch die Untermalung mit einem warmfarbenen Grund versehen. Während die Hell-Dunkel- Konturen und Grauabstufungen der Bilder mit dem Schwarz-Weiß fotografischer Zeugnisse, die unser Bild von der Vergangenheit prägen, assoziert werden können, vermittelt der warme Unterton gewissermaßen die emotionale Dimension des Erinnerns. Jenes wohlige Gefühl beim Schwelgen in Erinnerungen. Insbesondere, wenn es Erinnerungen sind, die mit Kindheit und Familie positiv besetzt sind.
Heike Ising Alms: Waldspaziergang · 2005 · 
Öl/Tempera auf Leinwand · 60x60 cm



 Subjektive Geschichte(n)

Anders als jedoch beim privaten Familienalbum geht es Heike Ising- Alms nicht um das Wiedererkennen konkreter Personen oder Ereignisse. Vielmehr werden die ehemals indi- viduellen Amateurfotografien durch die Übertragung ins Gemälde auf eine abstraktere, eine allgemeinere Bedeutungsebene gehoben. Aus den fotografischen Dokumenten werden in den Arbeiten der Künstlerin buchstäblich „Erinnerungsbilder". Hier zeigt sich erneut der deutlich historische Ansatz der Künstlerin. Ising-Alms, die selbst Geschichte studiert hat, wählt einen Zugang zu ihrem Thema, der dem geschichtswissenschaftlichen Konzept der so genannten „oral history" verwandt ist. In der „oral history" wird allge- mein auf Aussagen von Zeitzeugen zurückgegriffen, die jeweils aus ihrer persönlichen Vergangenheit Erlebnisse erzählen. Ein Prinzip, das uns heute oft im Fernsehen begegnet. Nämlich immer dort, wo Zeitzeugen in populärwissenschaftlichen Geschichtssendungen berichten und in Interviews ihre subjektive Sicht der Dinge schildern. Nimmt man viele dieser individuellen Aussagen zur subjektiv erlebten Vergangenheit zusammen, so ergibt sich ein geschichtliches Gesamtbild, bestehend aus der Schilderung von Einzelschicksalen. Der scheinbar unbedeutende einzelne Zeitgenosse wird mit seiner Individualgeschichte zum bedeutungsvollen Bestandteil eines übergeordneten Epochenbildes:

Über den Zeitgeist hinaus

Heike Ising-Alms: American Sunday · 2006 · 
Öl/Tempera auf Leinwand · 100x100 cm

Vergleichbares leistet Heike Ising- Alms, indem sie die privaten Foto- grafien künstlerisch in allgemein gültige Aussagen zur Vergangenheit verwandelt und so den Zeitgeist vergangener Epochen für den Betrachter erlebbar macht. Mehr noch, Heike Ising-Alms Gemälde stehen für den Prozess des Erinnerns, des Gedenkens an sich. So sehr also ihre Bilder auch zeittypisches Kolorit und vergangene familiäre Sonntagskultur widerspiegeln mögen, gehen sie zugleich darüber hinaus. Die Erinnerungsbilder Ising-Alms lassen eine Stimmung des Zeitlosen, eine Stimmung von Überzeitlichkeit spürbar werden … 

Herzlichst, Ihr 

Peter Elzenheimer
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